Ein bisschen Venedig kulinarisch.

Allgemein

Weil ich gerade wehmütig werde, dachte ich, ich schreibe vielleicht noch ein bisschen was über Venedig aus kulinarischer Sicht. Nicht, dass ich da der Erste wäre, oder irgend etwas Neues zu vermelden hätte. Aber keine Sorge, ich mache hier keinen auf einheimisch.

Zunächst mal muss man wissen: Venedig ist die vielleicht teuerste Stadt Italiens. Das gilt auch und vor allem für die Gastronomie. Für drei kleine, einfache Gänge in einer guten, aber ganz schlichten Trattoria kann man locker mit 40, 50 Euro rechnen. Das sind dann in der Regel die, wirklich fantastischen Fisch-Vorspeisen – Sardinen süß-sauer, Stockfischcreme, Oktopus-Salat, Fisch-Hackbällchen. Dann vielleicht eine kleine Pasta mit Fisch, z.B. mit Sepia & Tinte, mit Muscheln oder Sardinen. Oder geschnetzelte Kalbsleber mit Polenta. Oder Fritto Misto – frittierte kleine Fische und Meeresfrüchte. Und irgendein kleines Dessert. Nichts, aber auch wirklich absolut nichts falsch dran, und wenn man nur ein, zwei Tage bleibt, sollte man das probieren. Mein Liebling dabei „Sarde in Saor“ – Gebratene, kleine Sardinen, eingelegt in einem süß-sauren Essigsud zusammen mit Zwiebeln, Rosinen und Pinienkernen. Muss ich unbedingt nachmachen. Diese Sachen kriegt man in praktisch allen einfachen Trattorien, von richtig, richtig schlecht, bis wirklich gut. Ich hatte das Glück, dass ich einen guten Bekannten in Venedig habe, den ich nach ein paar Tipps fragen konnte. Immer das Beste. Sonst: Die Einheimischen sind in der Regel stolz auf ihre Stadt und ihre Küche. Und irgendwen, der es gut mit einem meint, findet man immer. In der Unterkunft, beim Frühstücks-Cappuccino oder irgendwo abends in der Kneipe. Selbst fragen macht schlau. Und mehr Spaß, als Tripadvisor oder Google.

Ich bin mir sicher, auch in Venedig gibt es Fine Dining. Ich habe nur weder Lust drauf, noch wirklich das Budget dafür. Wenn man trotzdem etwas finden möchte, was ein bisschen von den genannten, wirklich guten Standards abweicht, muss man entweder wirklich Glück haben oder einen guten Tipp. Meine Mahlzeit der Reise, und mit Sicherheit das Beste, was ich überhaupt in Venedig gegessen habe, war diese Auswahl an rohem Fisch „vom Rialto Markt“. Zum einen, soweit, so bekannt, aber von unglaublicher Frische: Ein kleines, nicht zu fein geschnittenes, Tartar vom Thunfisch. Zart, kühl, mild, frisch. So noch nicht gegessen: Drei verschiedene Sorten roher Garnelen / Scampi. Ich hab überhaupt bis jetzt erst einmal eine rohe Garnele gegessen – bei The Duc Ngos „893 Ryotei“ in Berlin – auf einem Nigiri Sushi, und das war so gut, das mir fast die Tränen kamen. Und jetzt in Venedig. Rohe Garnelen sind so ein Ding. Ich denke, wenn sie einmal eingefroren waren, geht das nicht mehr. Sie sind zu fragil und zu verderblich. Meine hier waren es nicht. Ganz sicher schwammen sie noch am Morgen im eiskalten Wasser der Lagune. Und sie waren himmlisch. Jede Sorte hatte ihr ganz eigenes Aroma, mal süßer, mal mit ein bisschen mehr Meeres-Geschmack, immer zart, aber mal mit ein bisschen mehr Biss, mal mit mehr Schmelz. Wirklich unglaublich. Und das sind für mich, auf Reisen, die ultimativen kulinarischen Glücksmomente: Etwas zu essen, was um die Ecke gewonnen wird, in perfekter Frische und auf die beste und zugleich einfachste Art zubereitet. Und das heisst hier: Nur mit Olivenöl und grobem Salz. Das bisschen Salat dazu ist trotzdem keine Deko, sondern ein guter Zungen-Erfrischer vor dem nächsten Bissen. Und auch die kleinen, sehr guten Oliven passen, für noch ein bisschen Salz-Kick. Kurz: Ein perfektes Gericht, dass man so z.B. hier in München kaum bekommen wird und an das ich mich auch jetzt noch absolut erinnern kann und lange erinnern werde.

Und sonst: Ich muss sagen, viele der besten Gerichte, die ich in Italien gegessen habe, hab ich, mit den fantastischen Produkten, die es dort, übrigens nicht nur auf dem Markt, sondern in jedem Supermarkt zu kaufen gibt, selbst gekocht. Klingt überheblich, ich weiss, aber es ist halt so. Die italienische Küche ist eben eine Produktküche und sobald man kapiert hat, was man mit den Sachen machen, bzw. NICHT machen soll, ist es einfach und klappt immer. Und auch in München gibt es einfach einen ganzen Haufen italienischer Restaurants, die mindestens so gut wie, und oft sogar besser sind als der Durchschnitt in den bei Touristen besonders beliebten Gegenden.

Trotzdem ist Italien für mich kulinarisch ein einziges Glück. Denn was man nur dort kriegt, sind das Gefühl und die Aussichten beim Essen und Trinken. Der tägliche Frühstücks-Cappuccino im Stehen am Tresen ist so gut, dass es in der Regel drei werden. Dabei auf den Kanal schauen, zusammen mit Einheimischen und Touristen irgendwo stehen, mit Glück ein bisschen mit den Leuten quatschen, was im Grunde immer geht, wenn man Bock drauf hat: Unbezahlbar. Ein paar Häppchen auf die Hand und ein Glässchen Wein dabei (wenn auch nicht für mich, denn ich trinke keinen Alkohol mehr) und irgendwo an eine Mauer gelehnt und dem Leben zuschauen: Traum. Tramezzini und mehr Kaffee, dabei auf die regnerische Straße schauen und melancholisch seinen Gedanken nachhängen: Nirgendwo so schön. Ach, der erste verdammte Kaffee, an der ersten überfüllten, schmucklosen Raststätte nach dem Brenner: Jedes mal ein Ereignis. Alles nichts Neues, keine Gefühle oder Gedanken, die nicht Millionen Menschen schon hatten und hunderttausende schon so formuliert hätten. Aber einfach wahr. Und unkaputtbar.

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