Muito obrigado.

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Wer mich kennt, weiss, dass ich es mir mit dem Leben nicht gerade leicht mache. Glück, das ist für mich, vielleicht noch mehr als für die meisten, ein flüchtiges kleines Arschloch. Um es mal nett zu sagen. Und egal an welchem noch so tollen Ort man gerade ist, man hat sich selbst, leider, doch immer mit dabei. Und so geht auch eine gute Woche in meiner Sehnsuchts-Stadt Lissabon nicht ohne viele, viiiiele Stunden düsterer, meist sinnloser Grübeleien. Manchmal könnte ich darüber verzweifeln, die meiste Zeit akzeptiere ich, dass das so ist, versuche, diese dunklen Gedanken nicht die Oberhand gewinnen zu lassen, und mache mich trotzdem auf, um dem Tag eine Chance zu geben. Mich kostet das oft wirklich große Mühe. Ich mag locker und sozial wirken und ich bin es durch meinen Medien-Beruf auch komplett gewohnt, ständig mit neuen Menschen klar zu kommen und zu connecten. Aber es strengt mich trotzdem an.

Auf dem Weg zum Markt frage ich mich, ob das nicht komplett idiotisch ist, dass ich hier überhaupt kochen und einkaufen will, ob die Leute mich wohl verstehen, ob ich ihnen nicht Mangels Sprachkenntnissen Unzumutbares zumute. Und dann drehe ich eine Runde und es klappt irgendwie, mit den beiden wundervollen älteren Damen am Fisch-Stand, nicht nur klar zu machen, was ich will, sondern auch meine Freude über die prachtvolle Ware zu teilen und irgendwie zu vermitteln, dass mich das alles so beeindruckt.

Beim letzten Mal hier habe ich ein paar Musiker kennengelernt und mit ihnen ein bisschen angefreundet. Schon seit Wochen Sprachnachrichten: „Michaaaeeellll, my brother, you’ve got to come and then we’ll jaaam…” Ja, schon klar, denkt der verstockte Deutsche in mir… Irgendwie rappele ich mich doch auf und eine Stunde später spielen wir tatsächlich in einer kleinen, unscheinbaren Bar am Hafen zusammen. Und eine weitere Stunde später bin ich umgeben von Leuten, die ich eben noch gar nicht kannte, und die mich umhauen mit ihrer Wärme und Herzlichkeit. Und, schau, der steife Deutsche tanzt später zusammen mit einem Haufen ausgelassener Brasilianer auf der Straße. Er schämt sich zwar ein bisschen, und so richtig geil wird’s wohl auch nicht aussehen, aber er freut sich auch, und immerhin: er tanzt.

In der Fado-Kneipe setze ich mich nach dem ersten Stück von meinem Platz direkt vor den Musikern und die Sängerin stehen, weiter nach hinten in eine Ecke, damit letztere mehr Platz für ihre Performance hat. Sie merkt es sofort, freut sich über die Geste des Respekts, erst gibt’s Luft-Küsschen aus der Ferne, später Küsschen auf die Wange. Und sie besteht auf ein Foto mit der imposanten Erscheinung, als die sie mich wohl wahrnimmt.

Und gestern, am letzten Abend, bin ich eigentlich viel zu müde und schlecht gelaunt, um mich überhaupt noch in ein Taxi zu setzen und, wie versprochen, zum Geburtstagskonzert eines Musikers zu fahren, mit dem ich auch arbeite. Nur aus Pflichtbewusstsein mache ich mich auf. Sitze anfangs ziemlich nervös, und wie bestellt und nicht abgeholt, am Familientisch, nur um eine halbe Stunde später so zu fühlen, als gehörte ich schon zur Familie. Auch hier darf ich später beim Konzert für eine Nummer mit einsteigen. Herzklopfen, Freude, ehrliche Begeisterung, Quatschen und Geburtstagskuchen bis zwei Uhr nachts.

Einer aus der Runde fährt mich zurück in die Stadt. Ich bitte ihn, mich am Hafen auszukippen. Zum letzten Mal, wie jeden Abend: Am Wasser sitzen, Musik hören, Leute gucken.

Ich froh über jedes einzelne dieser Male, in denen ich mich überwunden und in Situationen begeben habe, die mich zuerst unsicher und verwundbar gemacht haben. Und durch die ich am Ende immer doch ein wichtiges bisschen reicher und einen Moment glücklicher geworden bin. Und mit fremden Menschen ein paar Stunden Zeit verbracht habe und wir uns jetzt, da bin ich sicher, wie Freunde fühlen. Was mir gar keine andere Wahl lässt, als zurück zu kehren.

Muito obrigado.

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