Mein Senf zur „kulturellen Aneignung“

Allgemein

Vor ein paar Tagen spukte wieder einmal das Thema „kulturelle Aneignung“ durchs Netz. Mist, dachte ich, denn ich hatte schon gehofft, dass sich selbiges Dank seiner Absurdität und dem Mangel an nachhaltig Streit-bereiten Leuten, schon wieder erledigt hätte. Aufhänger war diesmal eine unbekannte Band, die in einem unbekannten Café in Bern vor ca. 50 Leuten Reggae mit (schweizer)deutschen Texten gespielt hatte. Und einer der, durchweg weißen, Musiker trug auch noch Dreadlocks. Einige Menschen im Publikum fühlten sich dadurch „unwohl“, der Veranstalter entschied sich, das Konzert abzubrechen. Der Vorfall zog sich ein paar Tage lang durch die (Online)Medien, bis in die Kanäle von FAZ, Spiegel & Co.. Ich will hier gar nicht zu umfangreich auf den eigentlichen Gegenstand der Aneignung eingehen, denn darum geht’s mir nicht. Eh klar: Es gibt nichts Reines. Alles kommt irgendwo her. Erst recht in der Musik. Ohne afrikanische Musik kein Blues, ohne Blues kein Swing, ohne Swing kein Rock’n’Roll, ohne Rock’n’Roll kein Rock, ohne Rock kein Pop. Und so weiter. Wenn wir hier was Reines wollen, dann dürfen wir nur noch Marschmusik spielen. Dasselbe gilt im Übrigen für die Kulinarik. Aber darum geht’s mir, wie gesagt, auch nicht. Mir ist tatsächlich nicht ein Kultur-schaffender, Musiker oder Künstler, inklusive der vermeintlich Betroffenen persönlich bekannt, welche(r) diese Aneignungs-Debatte nicht für absoluten Quatsch hielten. Sie ist ist Medien-gemacht. Reiner Klick- und Wut-Bait. Futter für die Leute, die sich eh schon über die „über-woke Cancel Culture“ aufregen. Unterhaltung. Raum zum Dampf Ablassen. Ein kleiner, unbedeutender Erregungs-Snack für zwischendurch.

Also vergessen? Ja, besser wäre es. Aber eben das ist nicht so einfach und das ist mein Punkt. Mal abgesehen davon, dass eine solche Schein-Debatte vielen wichtigen Prozessen im Zusammenhang mit Vielfalt, Akzeptanz und Chancengleichheit keinen Gefallen tut, schleicht sich, das merke ich, ein wirklich schädliches Denken in den Kulturbetrieb: Gerade unser Land ist voller Menschen, die ständig Angst haben, etwas falsch zu machen und deswegen vielleicht ihren Job zu verlieren. Und daher jedes Risiko von Vornherein meiden. Die Kultur ist da keine Ausnahme. Und so ist, erste Anzeichen dafür sind bereits erkennbar, davon auszugehen, dass viele Künstler*innen es in Zukunft schwerer haben werden, obwohl auch sie ganz natürlich ihren Teil dazu beitragen, dass sich mehr Menschen für ihnen neue Dinge interessieren: Heimische Reggae-Bands, Salsa-Gruppen, vielleicht auch Projekte aus Soul, Funk, Blues. Alles im Ursprung nicht weiß, alles nicht deutsch. Vielleicht, so denkt sich der Kulturamts-Mitarbeiter, setzt man sich da in die Nesseln, wenn ich so was buche. Oder vielleicht auch die Jurorin bei einem Musikpreis, der Journalist, Clubbetreiber, die Förder-Institution. Das ist die wirkliche Gefahr, die von dieser Debatte, die im Grunde, wie gesagt, eben auch gar keine ist, ausgeht: Das unsere kulturelle Landschaft ärmer wird, statt reicher.

Ich bin mir sicher, dass es Menschen gibt, die vom Thema kultureller Aneignung wirklich betroffen sind. Doch ich meine, das ist eine gesellschaftliche Frage und nicht die Schuld von anderen Menschen, die sich im selben Bereich bewegen. Ganz allgemein bin ich überzeugt davon, dass der Austausch zwischen Kulturen etwas enorm Bereicherndes hat. Die Möglichkeit, alles zu entdecken, erschmecken, erfühlen, erleben und auszuprobieren ist eine wunderbare Chance unserer vernetzen Welt und Zeit. Kultur, Musik und auch Kulinarik können so großartige Brücken bauen. Daran sollten auch eine Debatte, die, Zitat Harald Schmidt, „sich weitestgehend auf Berlin-Mitte und die angeschlossenen Online-Medien beschränkt“ nichts ändern.

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