Ein Jahr alkoholfrei

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Wisst Ihr noch, was Ihr am 20.11.2021 gemacht habt? Wahrscheinlich eher nicht. Ich weiss noch ganz genau, was ich gemacht, bzw. gelassen habe. Seit diesem Tag, also seit genau einem Jahr, trinke ich keinen Alkohol mehr. Und im Grunde beabsichtige ich auch, dass das für immer so bliebt. Wie es dazu kam und wie sich das anfühlt….

Am 20.11.21 lag ich auf meiner Couch, mein Kopf tat weh, mir war übel, auf der Haut dünner, kalter Schweiß. Es war mitten im zweiten Corona-Winter. Noch hatten die Kneipen und Clubs auf, aber es war auch klar, dass es nur eine Frage von Tagen sein würde, bis wieder alles dicht macht. Kulturbranche am Arsch, Kurzarbeit, viel Zeit, um zu grübeln und richtig schlecht drauf zu kommen. Am Vorabend spielte eine tolle, befreundete Band im Münchner Ampere, das Ding konnte gerade noch stattfinden. Und es lag an dem Abend das Gefühl in der Luft: Nur heute nochmal laut, nah und für ein paar Stunden woanders sein. Vor dem Konzert: Alkohol. Während des Konzerts: Alkohol, reichlich. Dann, schön angesoffen, mit der Band und Freunden rumgehangen und noch ein paar Bier. Schließlich irgendwann noch Eckkneipe und wenig Erinnerung daran, wie der Abend genau zu Ende ging.

Ich hatte schon lange, eigentlich schon jahrelang die Ahnung, dass es so nicht ewig weiter gehen dürfte. Das es einfach zu viel war und der Alkohol zu viel Raum eingenommen hatte. Ich weiß heute: Die Gesichter des missbräuchlichen Trinkens sind vielfältig. Das Clichée vom zittrigen Dauertrinker, der gleich morgens die Schnapsflasche aufmacht, stimmt in den wenigsten Fällen. Und es ist ein trügerisches Bild, mit dem man sich einreden kann, dass man selbst natürlich alles gut im Griff hat. Klar, Genusstrinken, bayrische Gemütlichkeit, Geselligkeit, die gute Flasche Wein, die Maß Bier in der Herbstsonne, oder drei. Alles ganz normal. Ich meine: Alkohol wird dann zum Problem, wenn er beginnt, eine Funktion zu erfüllen: Zum Runterkommen, zum Raufkommen, als Trost, Belohnung, Beruhigung, Kreativ-Boost, Spannungs-Löser. Es gibt immer einen guten oder schlechten Grund zu Trinken: Weil man traurig ist, weil man fröhlich ist, weil es scheiße oder super läuft, wenn was los ist oder wenn nix los ist. Wenn man viel arbeitet oder endlich mal frei hat. Ein Grund findet sich immer. Und Alkohol ist wie jede andere Droge: Je mehr man konsumiert, um so mehr will man.

Auch ich falle sicher nicht in das oben aufgeführte Clichée vom zittrigen Wrack. Und ich finde es auch vollkommen unbedeutend, sich und sein Trinkverhalten irgendwie zu kategorisieren. Meine Geschichte mit dem Alkohol ist ziemlicher Standard: Als Jugendlicher Bands spielen, in Proberäumen und Clubs rumhängen, bisschen kiffen, bisschen trinken. Dann mehr Arbeit, Stress, Druck, wenig Zeit, oft nur ein paar Stunden in der Nacht. Sieben Jahre Rheinland-Pfalz, eine der besten Weingegenden Deutschlands. Dann knapp 15 Jahre München, „Bier als Grundnahrungsmittel“, wie es so nett heisst. Mehr Arbeit, mehr Druck. Dazu die eigenen, immer höheren Ansprüche an mich selbst – in meiner Arbeit, die nie endet, in der Musik, beim Schreiben, Fotografieren, Kochen, im Bestreben, ein guter Ehemann, Sohn, Freund zu sein.

Viele von uns kennen diese Gefühle und Mechanismen. Und ich will Alkohol auch nicht grundsätzlich verteufeln. Anders als z.B. das Rauchen, das aus meiner Sicht wirklich nur Nachteile hat, kann Alkohol toll sein. Wie viele Beziehungen wären ohne ihn nicht zustande gekommen, von den sexuellen Abenteuern mal ganz zu schweigen, hätte man seine Unsicherheiten nicht vorher ein bisschen gelockert? Wie viele nette Runden, Abende, Partys, die ohne den Katalysator Alkohol nicht in die Gänge gekommen wären? Wie viele gute, ehrliche, persönliche Gespräche mit Freunden oder Fremden. Und auch: Wie viel Genuss, ob mit dem Bier vom Fass unter einer Kastanie im Münchner Herbst. Oder Wein, dieser komplexen, unerschöpflichen Welt, dem Destillat von Himmel und Erde und allem dazwischen.

Ich meine, ich hatte meinen Anteil. Im Guten und im Schlechten. Doch an diesem 20. November vor nun genau einem Jahr, mit Riesenkater auf dem Sofa, da WUSSTE ich wirklich plötzlich, innerhalb von vielleicht zehn Minuten, dass jetzt Schluss ist. Nicht „sein soll“, sondern IST. Und zwar nicht befristet, sondern für immer. Ich kann immer noch nicht genau sagen, warum gerade an diesem Abend und dann auch noch so klar. Ich wusste es einfach. Und als ich es dann auch noch ausgesprochen hatte, wusste ich, dass es klappt.

Das vorherrschende Gefühl über die kommenden Wochen: Befreiung. Keine Sorgen, kein Craving, keinerlei Signale meines Körpers oder Kopfes, dass ihm irgend etwas fehlt. Aber: Ein wachsendes Gefühl von Freiheit, Reinheit, Klarheit. Dann, über die folgenden Monate: Bessere Stimmung, mehr Zuneigung zu mir selbst. Bisschen leichter, bisschen beweglicher. Und, ganz wichtig: Mehr Gefühl für meinen Bauch. Wissen, was man wirklich essen und trinken möchte, wann man satt ist oder Hunger hat, wann einem etwas gut tut oder eher nicht. Viel weniger Bock auf Fleisch, dafür viel mehr auf Fisch und Gemüse. Und echt gerne, bis heute: Gutes, kaltes, alkoholfreies Bier – überhaupt kein Kompromiss, sondern richtig toll. Alkoholfreier Wein ist manchmal, ganz selten, akzeptabel. Meistens schmeckt er aber nach leicht angegammeltem Traubensaft, mit Noten von Erbrochenem. Echt schade drum, aber ich schätze, alles hat seinen Preis. Und der Preis, der stimmt hier einfach für mich.

Das Einzige, was anfangs schwierig war: Runterkommen. Vom Stress, kreisenden Gedanken, Anspannung. Das jederzeit verfügbare Mittel, um innerhalb von einer halben Stunde einfach mal die Lichter auszumachen, war eben nun nicht mehr da. Was geholfen hat, war Schlagzeugspielen. Mitunter ziemlich exzessiv, manchmal fünfmal die Woche, zwei, drei Stunden lang. Schlagzeugspielen hat, im Gegensatz zu Alkohol, nur positive Aspekte. Naja, so lange man sein Gehör ein bisschen schützt. Es ist körperlich, laut, expressiv. Und wenn man viel spielt, wird man besser, kann sich besser ausdrücken, und wenn das bei den Hörer:innen ankommen, fühlt man sich auf eine Art verstanden und angenommen, wie es mit sonst kaum etwas möglich ist.

Ich stell mich nicht auf die Wage. Dünn bin ich immer noch nicht, aber darum ging es mir primär auch nie. Dennoch freue ich mich, dass ich abgenommen habe, ich denke, fünfzehn, zwanzig Kilo. Und ich habe das Gefühl, dass das, mit der gewachsenen Wachheit und Beweglichkeit und dem besseren Gefühl. Meine Hausärztin sagt, ich hätte die Leber- und Blutwerte eines Neugeborenen, naja, fast. Ich brauche weniger Blutdruckmedikamente. Ich schlafe besser, habe gelegentlich sogar mal gute Laune (nicht übertreiben). Und ich mag mich einfach mehr. Menschen, die mich lange kennen, erstaunt es, dass es mir so gar keine Mühe macht, nichts zu trinken. Und Menschen, die ich neu kennenlerne und mit denen ich auf das Thema komme, finden es meistens toll. Und nicht selten kommt dann, zu späterer Stunde, auch noch eine Geschichte zum Thema. Eine eigene, oder eine aus der Familie. Missbräuchliches Trinken, das merke ich, zieht sich wirklich durch unsere Gesellschaft, beschäftigt viele, aber irgendwie mag man nicht drüber sprechen und auch nicht davon lassen. Besonders nicht in Zeiten der Unsicherheit, Sorgen, gemischter Aussichten.

Ich will überhaupt niemanden missionieren. Wie gesagt, Alkohol ist toll, wenn man gut mit ihm umgehen kann. Mir fällt es aber viel leichter, gar nicht zu trinken, als mich permanent zurück zu halten. Ich glaube, Maß halten ist generell nicht meine Stärke, ich habe einfach einen Hang zum Exzess, das ist Teil meiner Persönlichkeit und ich finde das auch in Ordnung. Ich glaube nicht, dass ich in absehbarer Zeit wieder Alkohol trinken werde. Das Leben ist zu schön ohne ihn. Und es ist mir vom ersten Tag an total leicht gefallen. Es gab tatsächlich keinen einzigen Moment, in dem ich das Gefühl hatte, schwach zu werden. Nicht mal, so wie vor ein paar Wochen geschehen, an einem Abend mit den edelsten Weinen aus dem Bordeaux, an dem ich beruflich teilnehmen durfte. Ein bisschen im Glas zum dran Schnuppern und ein paar Promille einatmen waren toll, aber nicht mehr. Der Grund: Ich wollte es lassen und ich will es noch immer. Das ist für mich auch der entscheidende Punkt: Wenn man eigentlich voll Bock drauf hat, und sich ständig bremsen muss, ist es schwer, vom Alkohol zu lassen. Dafür ist er zu tief in unserem Leben verankert, es gibt so viele Situationen, in denen er dazu gehört. Aber wenn man wirklich nicht will, dann ist das einfach egal. Und wirklich sehr, sehr einfach, auch wenn man es vielleicht mal undenkbar schien.

2 Gedanken zu “Ein Jahr alkoholfrei

  1. Bei mir war’s schlußendlich u.a. auch aus gesundheitlichen Gründen nötig, weil ich schon Hyperurikämie habe, also schnelle Blutübersäuerung und damit Gichtanfälle mit äußerst schmerzhaften Entzündungen und Immobilität sowie im schlimmsten Fall Organversagen drohen, vor allem nach Alkohol“genuß“. Außerdem hatte ich das zu häufig zur „Selbstmedikation“ mißbraucht. Seit Anfang September 2019 ist Schluß und das bleibt auch so! (bei der Ernährungsumstellung seit 2005 mach‘ ich es ebenso konsequent, dann geht’s auch da).

    Hat man nicht häufig, dass mal jemand eigenverantwortlich und gegen den Mainstream handelt, Hut ab!

    Gefällt 1 Person

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