Kaviar, Rindertartar, Rote Beete Sud

fühlen, schmecken

Vor diesem Teller saß ich heute mit ziemlicher Demut. Ganz sicher das Dekadenteste, was ich je gegessen habe. Ein gehäufter Esslöffel bester Kaviar, mild-aromatisches Rindertartar, rauchig-erdiger Rote Beete Sud. Ich wurde einigermaßen demütig. Und ich finde tatsächlich, es verbietet sich, wenn man sowas schon einmal probieren darf, sich Gedanken a la „tolles Brot mit guter Butter ist genau so gut“ zu machen. Natürlich ist es genau so gut. Aber etwas ganz Anderes. Nein, für mich ist bei so etwas wirklich Demut die vorherrschende Empfindung. Ein in seiner Einfachheit vollkommenes Gericht. Und fünf ordentliche Löffel von etwas, das man im Leben vermutlich nur einmal isst

Ur-(dummer) Hunger

fühlen, schmecken

Ich habe eigentlich die ganze Woche gearbeitet, wie ein Irrer. Gestern war es besonders krass. Morgens hingesetzt, neun Stunden ohne Pause durch, gefühlt mit drei Gehirnen und ohne einen Schluck Wasser, nur Kaffee. Dann direkt von der Arbeit los, Döner, Gig vorbereiten. Nachts noch irgendwelches Zeug erledigt. Heute Morgen wieder, ohne Frühstück bis 14 Uhr durch. Manchmal ist das cool, wenn das, was man macht, so flow-ed, dass man an nix anderes denkt. Gegen Nachmittag dann aber nicht nur Hunger, sondern irgendwie so ein Ur-Hunger, so eine primitive Gier. Nach mariniertem Nackensteak mit Ketchup. Hatte ich mit ziemlicher Sicherheit und aus gutem Grund seit 20 Jahren mehr. Ein Produkt, „Gericht“ will ich dazu nicht sagen, das aus einer Zeit stammt, in der die Welt noch einfach und unkompliziert schien. Nur zehn Minuten Zeit, also zum Lidl, da kann man vor der Tür parken.

Mais und Mais

fühlen, schmecken

Heute gelernt: Vakuumierter, vorgegarter Mais schmeckt nach Mais. Frischer, einfach nur 20 Minuten in Wasser gekocht und mit ein paar Salzflocken schmeckt und duftet wie: Urlaub am Balaton mit sieben Jahren, wo die Maiskolben, frisch geerntet, in großen Töpfen am Strand gekocht und gesalzen im Ganzen für ein paar Forint verkauft wurden. Reinbeißen, sich das Salz von den Lippen lecken und die ganze Szenerie nie wieder vergessen.

Bernd’s BBQ Kanal

fühlen

Bernds BBQ Kanal heisst: „Bernd’s BBQ Kanal“. Angefangen Videos zu drehen hat er mit einem Gasgrill vom Baumarkt auf seinem Balkon, mehr als Jucks. Bernd grillt einfach für sein Leben gerne. Eine seiner schönsten Erinnerungen aus seiner Kindheit in der DDR: Sommerabende im Schrebergarten, die Luft prall von Holzkohle-Rauch und Fett. Bratwürste, Cevapcici, Nackensteaks. Essen, das war auch immer Trost und Weltflucht aus dem eintönigen, reiz-armen Alltag. Heute ist Bernd Grill-YouTuber in Vollzeit. Auf seinem Haupt-Kanal folgen ihm eine halbe Million Menschen. Und nochmal zweihunderttausend auf Instagram und TikTok. Seinen Job bei einer Versicherung hat er an den Nagel gehängt und die Wohnung mit Balkon gegen ein Haus mit Garten im Berliner Umland getauscht. Bernd grillt, sprichwörtlich, alles, was Beine hat, außer Tischen und Stühlen. Jeden zweiten Tag ein Video plus Specials macht knapp 1500 Grillvideos in sieben Jahren. Die Community will bei Laune gehalten werden, denn die Konkurrenz von Typen, die wie Bernd, die davon träumen, davon zu leben, sich beim Grillen und Essen zuschauen zu lassen, ist groß.

Mond über der Hansastraße

fühlen, sehen

Seit einem halben Jahr trinke ich keinen Alkohol mehr. Einfach keinen Bock, es reicht. Stattdessen zieht es mich oft noch spät ans Schlagzeug. Auch so eine Droge, die den Kopf aber nicht dicht, sondern schön frei und leer macht. Nach dem Spielen sitze ich gerne ein bisschen an den Bahngleisen, die direkt neben dem Proberaum-Komplex im Münchner Westen verlaufen, und trinke kaltes, alkoholfreies Bier von der Tanke. Heute ist es kurz vor ein Uhr nachts, ich bin verschwitzt und habe Durst. Doch, ich weiss nicht, ob das auch wieder so ein globaler Mangel ist: Heute scheint an allen Tankstellen das alkoholfreie Bier aus zu sein. Auch beim dritten Anlauf kein Glück.

Übermüdet mache ich mich mit dem Auto auf den Heimweg, der auch durch die Hansastraße führt. Mitten über der Fahrbahn, zwischen den Baumwipfeln hängt, unwirklich plastisch und nah, der perfekte, orange leuchtende Vollmond. Wahnsinn. Ich bin so gebannt, dass ich rechts ranfahre, um ein Foto zu machen. Vor lauter Gebanntheit, gepaart mit Müdigkeit und leerem Kopf, habe ich aber auch direkt vergessen, dass ich mir als Kulisse für meinen digitalen Kaspar David Friedrich den Straßenstrich ausgesucht habe. Ich bin noch nicht richtig ausgestiegen, da kommen drei Huren von der anderen Straßenseite auf mich zu. „Öh, ich will nur eben den Mond fotografieren.“ höre ich mich sagen. Sie scheinen nicht zu verstehen. „Du kannst fotografieren meine Pussy“ sagt die eine. „Nein, nein, der Mond!“ Ich zeige nach oben. Was rede ich da eigentlich? Doch auf einmal verstehen sie, rufen entzückt, holen auch ihre Handys aus den Taschen. Und so stehen wir zusammen auf der Straße und knipsen den Mond. Dann: „Gute Nacht, gute Schicht!“ Keine baggert mehr. Wahrscheinlich denken sie, dass ich komplett irre bin. Vielleicht auch nicht. Vielleicht fanden wir auch nur gemeinsam den Vollmond toll.


Auf dem Rest der Heimfahrt bin ich nachdenklich. Zum einen darüber, dass die drei Frauen schon den ganzen Abend an dieser Stelle standen, und nicht sahen, dass über ihnen der riesige Vollmond hing, weil sie zu beschäftigt waren mit der Suche nach Kundschaft. Zum anderen aber auch, weil ich mich frage, was wohl gewesen wäre, wenn ein anderer Autofahrer, der eventuell nicht des Mondes wegen da und so abgelenkt war, mein ziemlich schlecht geparktes, unbeleuchtetes Auto gestreift hätte. Und ich in der Konsequenz später hätte erklären müssen, was ich wohl da vor hatte. Ein Uhr nachts. Auf dem Straßenstrich. Und wie glaubwürdig meine Erklärung wohl gewesen wäre, ich hätte doch einfach nur den Mond fotografieren wollen…

ЗДОРОВЬЕ. Gesundheit. Prost.

fühlen

Ich habe in meinem Handy eine kleine Sammlung von Fotos, um mich an Situationen zu erinnern, aus denen vielleicht einmal Geschichten werden könnten. Beim Durchblättern viel mir meine letzte Echtwelt-Begegnung mit Menschen aus Russland ein. Eigentlich wollte ich mir um diese fröhliche Dreier-Runde im Zug ein bisschen mehr ausdenken. Aber nun möchte ich das einfach nur 1:1 erzählen, weil es mich aktuell beschäftigt und bewegt.

Jahreswechsel: If it’s good, it’s good!

fühlen, schmecken

Die letzten Tage war ich in Venedig. Es war (wie immer dort) anstrengend aber toll. Ich hatte vorab ordentliche Zweifel, ob es eine gute Idee ist, in diesen Zeiten überhaupt irgendwohin zu fahren. Ich schätze aber jetzt, mit Dreifach-Impfung, Maske (in Italien im Moment wieder überall, auch im Freien) und ein bisschen Vorsicht, war es dann doch ok. Gut war es auf jeden Fall, nach Monaten, in denen ich vor allem Bildschirme und mein Wohnzimmer gesehen habe. Damit gute, neue Sachen raus kommen, aus der Birne, müssen halt immer wieder mal auch in paar neue rein, auf dass sich alles verbindet und ein bisschen miteinander reagiert. Ich denke, bin ich mal von meinen Gewohnheiten entkoppelt, fast automatisch über Dinge nach, die ich zukünftig tun möchte – privat, beruflich, musikalisch und auch kulinarisch.

Buch „Wie die Auster ins Stüberl kam“ jetzt erhältlich!

fühlen

Ich freue mich wirklich sehr, diese schöne Nachricht mit Euch, meinem kleinen, aber wirklich außerordentlich feinen Leser*innen-Kreis zu teilen: Mein Büchlein „Wie die Auster ins Stüberl kam“ ist ab sofort als Print on Demand Exemplar bestellbar. Softcover, 100 Seiten. Es enthält eine, überarbeitete, Auswahl der aus meiner Sicht gelungensten kleinen Geschichten, die ich über die letzten fünf Jahre (auch) in diesem Blog veröffentlicht habe. Ausgangspunkt ist immer ein Geschmack, Geruch oder eine Erinnerung an diese. Zum Teil 1:1 eins erlebt, zum Teil ausgeschmückt, manchmal auch komplett ausgedacht. Über Weißbier-schwangeres Austern-Essen, Weihnachten in Venedig, die Chronologie eines sehr speziellen Kneipen-Gigs, ein Schlachtfest am Rennsteig, Eremiten im Plattenbau, Sushi in Suhl und vieles mehr. Ich meine, das sind über weite Strecken einfach schöne, leichte Texte, die ein wenig unterhalten und inspirieren – und mehr soll es auch gar nicht sein. Und da das Büchlein wirklich komplett in Eigenregie entstanden ist, ist natürlich auch nichts daran oder darin perfekt. Aber das ist mir Wurscht. Ich wünsche Euch jedenfalls viel Freude damit.

Bestellbar ist das Buch ab sofort für 14,99 € auf Bookmundo unter diesem Link (Lieferzeit, da Print on Demand ca. 5 Tage) und auch auf Amazon und im Buchhandel unter der ISBN 9789403644349.