Fragment: Ein Tipp

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Er rollt und schlingert mehr, als das er fährt. Sein Fahrrad knärzt und klappert, als er den staubigen Hang herunter eiert. Die Sonne brennt. In der Ferne ragen schmutzig braune Felswände in den Himmel. In der Senke vor ihm liegt eine graue, von der Hitze versengte Stadt. Er kennt weder den Weg zurück, noch weiß er genau, wo er ist. Er steigt ab, schiebt sein Rad durch verlassene, von Dreck speienden Betonhäusern gesäumte Straßen. Es ist Sonntag, alles ist dicht, die Stadt stöhnt in der Mittagshitze. Vor einem Fenster eines Flachbaus stehen ein paar Männer an. Beim Näherkommen erkennt er, dass eine dicke Frau auf einem Gill Hamburger brät. Er hat Angst und schwitzt. Aber er hat auch den ganzen Tag lang noch nichts gegessen. Also stellt er sich in die Schlange. Immer wieder schieben sich neu dazu gekommene Typen feindselig und demonstrativ vor ihn. Irgendwann wird es ihm zu bunt. Er sagt „hey!“. In dem Moment, in dem der Laut des halbstarken Protests seinem Mund entfährt, wünscht er sich schon, er möge wieder dorthin zurück kriechen. Runterschlucken, drin behalten. Doch zu spät. Ein kleiner dünner Mann in Jeans, T Shirt und einem weißen Jackett zischt ihn an: „So so, neu hier und gleich vordrängeln, ja?“ Er: „Ich, wollte, doch, also, Entschuldigung. Können sie mir vielleicht irgendeinen Tipp geben, wie man hier besser zurecht kommt?“. Der Typ verzieht keine Mine. „Du willst einen Tipp? Ich geb dir einen Tipp.“ Blitzschnell zückt er ein dünnes, langes Messer und zieht es ihm über den Handrücken. Blut schießt aus dem Schnitt. Er sieht zu, das er Land gewinnt.

Fragment: Bierglas umgeworfe.

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Ich will versuchen, hier ein bisschen literarischer zu werden. Doch mir fehlt der lange Atem, zum ebensolchen Text. Und oft finde ich, dass mit einem guten Satz schon alles gesagt ist. Deshalb gibt’s ab jetzt Fragmente, ich kann hier schließlich machen, was ich will.

Fragment: Bierglas umgeworfe.

Er hat verschüttet Bier und schäm sich so. Andere Leute mach viel größer Sauerei und schäm sich überhaupt nicht. Eigentlich er müss Bundeskanzler werde.

Isar oder Spree

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München und Berlin. Beides Blasen. München erdet mich irgendwie, obwohl ich weiß, dass das eine Illusion ist. Musikalisch langweile ich mich oft. Alles zu satt. Berlin kickt mich. Aber der Hunger kann einen auch auffressen, besonders, wenn man zum Exzess neigt. Ich denke, ein paar Nischen und Ritzen gibt es überall. Das scheinen mir die Orte, an denen die ganz guten Sachen passieren. Man muss sie halt finden (wollen). „There’s a crack in everything, that’s where the light comes in.“.

Samma wiada guad

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Ich bin gerade sehr zufrieden: Am Nebentisch in der Kneipe hat sich eine Runde von vier Arbeitskollegen zum Thema Corona lautstark fast die Köpfe eingehauen. Ganz harter, scharfer, unversöhnlicher Ton. Jede(r) hatte gute Argumente aber es wurde bestimmt eine halbe Stunde lang immer schärfer und lauter. Mir war danach, mich kurz dazu zu setzen, anzumerken, dass es toll sei, zu streiten, aber man möge sich doch darauf besinnen, den / die Andere(n) auch noch lieb zu haben und mal miteinander anstoßen. Ein bisschen Überraschung über meinen Vorstoß, aber dann doch Einlenken und Anstoßen. Und jetzt, oh Glück, viel leiserer, weicherer Ton, Lachen, „I würd doch ned mit dia diskutiern wenn i di ned meng dad.“ Ich muss grinsen, die Runde merkt’s und prostet mir zu. So ist das schön. Ich diskutiere sehr gerne mit Leuten, die Sachen anders sehen, als ich (außer mit Rechten, ich hab’s versucht, es bringt einfach nix). Aber dann lasst uns eben nicht vergessen: Nur weil einem jemand nicht zustimmt, ist er nicht per se ein blöder Arsch.

Koch-müde

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Heute erster Spargel, aus Ungeduld geradezu knackig untergart. Dazu Cordon Bleu, fünf Mal so dick wie es sein soll und wie ein fettiger Stein. Außerdem neue Kartoffeln, ebenfalls halb roh. Keine Hollandaise, da zu genervt. Gestern: Roggen-Sauerteigbrot mit flüssigem Kern, un-rettbar und unter Fluchen in die Tonne. Vorgestern schwergängigen Korken mit plötzlichem Ruck aus der Flasche gezogen und mir selbst auf die Fresse gehauen. Seitdem Gesichts-Schmerzen und Riss in der Oberlippe. Morgen werde ich mich vermutlich selbst flambieren. Kurz: Ich brauche dringend eine Selbst-Koch-Pause und sehne mich nach geöffneter Gastronomie.

P.S.: An den Resten vom missglückten Cordon Bleu rumgenascht und dabei einen halben Zahnstocher mit runtergeschluckt, den rauszuziehen ich wohl vergessen hatte. Ich glaube, ich schließe die Küchentür heute mal lieber von außen ab.