Mond über der Hansastraße

fühlen, sehen

Seit einem halben Jahr trinke ich keinen Alkohol mehr. Einfach keinen Bock, es reicht. Stattdessen zieht es mich oft noch spät ans Schlagzeug. Auch so eine Droge, die den Kopf aber nicht dicht, sondern schön frei und leer macht. Nach dem Spielen sitze ich gerne ein bisschen an den Bahngleisen, die direkt neben dem Proberaum-Komplex im Münchner Westen verlaufen, und trinke kaltes, alkoholfreies Bier von der Tanke. Heute ist es kurz vor ein Uhr nachts, ich bin verschwitzt und habe Durst. Doch, ich weiss nicht, ob das auch wieder so ein globaler Mangel ist: Heute scheint an allen Tankstellen das alkoholfreie Bier aus zu sein. Auch beim dritten Anlauf kein Glück.

Übermüdet mache ich mich mit dem Auto auf den Heimweg, der auch durch die Hansastraße führt. Mitten über der Fahrbahn, zwischen den Baumwipfeln hängt, unwirklich plastisch und nah, der perfekte, orange leuchtende Vollmond. Wahnsinn. Ich bin so gebannt, dass ich rechts ranfahre, um ein Foto zu machen. Vor lauter Gebanntheit, gepaart mit Müdigkeit und leerem Kopf, habe ich aber auch direkt vergessen, dass ich mir als Kulisse für meinen digitalen Kaspar David Friedrich den Straßenstrich ausgesucht habe. Ich bin noch nicht richtig ausgestiegen, da kommen drei Huren von der anderen Straßenseite auf mich zu. „Öh, ich will nur eben den Mond fotografieren.“ höre ich mich sagen. Sie scheinen nicht zu verstehen. „Du kannst fotografieren meine Pussy“ sagt die eine. „Nein, nein, der Mond!“ Ich zeige nach oben. Was rede ich da eigentlich? Doch auf einmal verstehen sie, rufen entzückt, holen auch ihre Handys aus den Taschen. Und so stehen wir zusammen auf der Straße und knipsen den Mond. Dann: „Gute Nacht, gute Schicht!“ Keine baggert mehr. Wahrscheinlich denken sie, dass ich komplett irre bin. Vielleicht auch nicht. Vielleicht fanden wir auch nur gemeinsam den Vollmond toll.


Auf dem Rest der Heimfahrt bin ich nachdenklich. Zum einen darüber, dass die drei Frauen schon den ganzen Abend an dieser Stelle standen, und nicht sahen, dass über ihnen der riesige Vollmond hing, weil sie zu beschäftigt waren mit der Suche nach Kundschaft. Zum anderen aber auch, weil ich mich frage, was wohl gewesen wäre, wenn ein anderer Autofahrer, der eventuell nicht des Mondes wegen da und so abgelenkt war, mein ziemlich schlecht geparktes, unbeleuchtetes Auto gestreift hätte. Und ich in der Konsequenz später hätte erklären müssen, was ich wohl da vor hatte. Ein Uhr nachts. Auf dem Straßenstrich. Und wie glaubwürdig meine Erklärung wohl gewesen wäre, ich hätte doch einfach nur den Mond fotografieren wollen…

Bei Vincent

sehen

Ich habe schon viele meiner Heroes persönlich getroffen, mit nicht wenigen von ihnen pflege ich heute, dank meines Jobs, ein enges, persönliches Verhältnis. Denn die meisten meiner Heroes sind Musiker. Einer meiner größten jedoch, ist Koch und, für mich noch viel prägender, Autor. Und Brieffreund. Ich bin sehr glücklich, den tollen, weisen Vincent Klink heute einmal für ein paar Minuten persönlich getroffen zu haben. Ich war nervös, quasselig und konnte mir dieses eine Mal auch den Wunsch nach einem typischen Fan-Foto nicht verkneifen. Etwas, das ich sonst tunlichst vermeide. Und Vincent hat es freundlich über sich ergehen lassen.